Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Wer hat nicht schon mal fasziniert in die Wolken gestarrt und entdeckt, dass sich dort kuriose Formen zeigen? Besonders Kinder lieben diese Beschäftigung und diese Faszination greift das Bilderbuch auf. 

„Wolkentiere und Quadrat“ ist mal wieder ein Bilderbuch, das aus dem Rahmen fällt, wie viele andere aus dem Kunstanstifter Verlag. Es geht weniger um eine klassische Geschichte mit klarem Anfang und Ende, sondern um ein gedankliches und visuelles Experiment: Was passiert, wenn Formen beginnen, sich zu verwandeln?

Ja, in diesem Sinne also mal wieder eine philosophische Frage, die Groß und Klein gleichermaßen interessiert. Das ist typisch für die Kunstanstifter Bücher: Sie regen zum Nachdenken, Abschalten, Philosophieren und Hinterfragen an – eben genauso wie Kunst allgemein. Nur, dass hier Kinder angesprochen werden sollen, die meist eine andere Form von Bilderbüchern kennen.

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Die Kunstanstifter-Bilderbücher sind sehr frei im Konzept und in der Gestaltung und daher der kindlichen Psyche und der kindlichen Herangehensweise an Themen nah. Sie verlangen extra nicht, dass das Kind konzentriert einer Geschichte folgen muss, sondern die Aufmerksamkeit wird spielerisch eingefangen und sie wird auch nicht künstlich festgehalten, wie das etwa bei Videospielen der Fall ist.

Zitat: „Ihre Lieblingsbeschäftigung [der Wolke] war das Träumen. […] Sie wusste nicht woher dieser Traum kam, er war einfach da… Sie sehnte sich nach einer Veränderung, wusste aber gar nicht genau, was sich verändern sollte – denn eigentlich war sie sehr zufrieden mit ihrem Dasein.“

Hier kann man sehen, worum es geht… mehr um eine innere Reise, eine Bereitschaft sich zu verändern und das Verständnis dafür, dass das Leben ständige Veränderung ist oder sie erlaubt. Denn die kleine Wolke ist natürlich auch viel mit den Beschränkungen und Regeln von außen beschäftigt.

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Sie ist wagemutig, neugierig und lässt sich nichts vorschreiben – dies ist wohl die Lehre, die das lesende Kind daraus ziehen soll – und etwas, was auch noch Erwachsene stutzen lässt. Denn gerade die Erwachsenen sind ja sehr festgefahren in ihren Vorstellungen, ihrer Lebensweise und können von der kleinen Wolke noch mal etwas lernen. Also ein Buch für Kinder und Eltern, Tanten, Onkeln…

  • unter den 100 Outstanding Picturebooks 2024

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Der Zeichen/Illustrationsstil:

Die Bilder sind kindlich, kritzelig gehalten, mit dicken Stiften gemalt, die Schrift ebenso mit uneinheitlichen Buchstaben, von Hand, unbeholfen, mal Schreibschrift, mal Druckbuchstaben. Genauso unkonventionell und frei wie das Gesamtkonzept.

Dieses Unperfekte nimmt den Kindern die Hemmung, ebensolche Zeichnungen und Texte zu erstellen – und das ist wohl der wichtigste Zweck eines Buches und die Intention des Verlages, nämlich zu künstlerischen Aktivitäten „anzustiften“.

Das Kind soll keine perfekt gemalten Bilder und anstrengenden Texte vor Augen haben, sondern angeregt werden, seine eigene Kreativität auszuleben, egal wie kritzelig, chaotisch und nonkonform das Werk am Ende ist.

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Dieser Ansatz ist wirklich sehr interessant und hilft wohl vielen Kindern besser zu sich selbst und zum eigenen Ausdruck zu finden als das, was sie aus der Schule kennen. Allerdings darf beides nebeneinander existieren, das klassische, schön gestaltete Bilderbuch (wie die alten Märchenbücher) mit korrekt geschriebener Geschichte, idealistischen, detaillierten Bildern und schöner Schrift und eben diese frei gestalteten Bilderbücher mit eigenen Formsprache und eigener Intention.

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Im Zentrum stehen einfache geometrische Figuren, allen voran das Quadrat, das zunächst stabil und eindeutig wirkt. Doch diese Eindeutigkeit hält nicht lange. Aus dem Strengen wird Bewegung, aus dem Festen entsteht etwas Lebendiges. Tierähnliche Gestalten tauchen als Wolken auf, lösen sich wieder auf und verschieben die Wahrnehmung dessen, was „Form“ eigentlich bedeutet.

Kinder nehmen das Buch vermutlich als Spielraum für eigene Assoziationen. Erwachsene hingegen bleiben vielleicht länger an der Idee hängen, dass sich Ordnung und Fantasie nicht ausschließen, sondern gegenseitig hervorbringen können.

Die Illustrationen sind reduziert, aber nicht schlicht. Vieles passiert zwischen den Linien: in den Übergängen, in den kleinen Brüchen, in der Art, wie sich Figuren entwickeln oder wieder verschwinden. Der Kunstanstifter Verlag bleibt hier seiner Linie treu, Bücher zu veröffentlichen, die Illustration als eigenständige künstlerische Sprache ernst nehmen. Man kann auch sagen, der Verlag ist ein Paradies für Illustratoren.

„Wolkentiere und Quadrat“ ist visuelles Denken in Bewegung, eine Einladung genauer hinzusehen, und dabei die eigene Vorstellung von Formen, Figuren und Wirklichkeit wieder zu lockern. Und vor allem zuzulassen, dass die eigene „Form“ sich immer wieder verändern kann und darf.

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

Über die Autorin:

Anna Gusella lebt als selbstständige Illustratorin und Künstlerin in Berlin. Typisch für ihren Stil ist eine spielerische Herangehensweise und die Freude am kreativen Prozess. Sie arbeitet mit Buntstiften, Farbe, analogen Drucktechniken, Collagen oder digital. Ihre Arbeiten wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

Website: annagusella

Leseprobe:

Wolkentiere und Quadrat : Anna Gusella – Book2look

Rezension: „Wolkentiere und Quadrat“ (Kunstanstifter Verlag)

ISBN: 978-3-948743-27-7
Format: 175 x 252 mm
Umfang: 84 Seiten
ET: 10.07.2023
Preis: 25€ (D) / 25,70€ (A)

Hardcover, ab 6 Jahren

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