Das Atelier-Duell (9): Porträts – Frei Schnauze vs mathematische Präzision

Schon mal versucht, Gesichter, Menschen, Körper zu malen und daran verzweifelt? Bea und Richard gehen komplett anders daran. Frei drauflosmalen oder mit Kreisen, Dreiecken und Hilfslinien, was denkst du?

Portraitmalen – eine echte Herausforderung: Der Vorteil von konstruktivem Zeichnen

Bea: (fährt sich wütend durch die Haare, während sie auf ihr neuestes Porträt starrt, das eher einer Karikatur gleicht – wie im Bild zu sehen) „Das ist doch zum Mäusemelken! Gestern sah das Gesicht noch aus wie mein Nachbar, und heute ist es eine Mischung aus einem Eichhörnchen und einem Gnom! Die Augen sind zu hoch, die Nase sitzt schief, und der Mund… der Mund ist völlig verrutscht! Ich sehe doch, dass es falsch ist, aber ich weiß nicht, warum!

Richard: (blickt von seinem eigenen Porträt auf, das mit präzisen Hilfslinien durchzogen ist und schiebt seine Brille hoch) „Weil du keine Struktur hast, Bea. Du malst aus dem Bauch heraus, hoffst auf das Beste und wunderst dich dann über anatomische Anomalien. Ein Porträt ist kein Zufallsprodukt, es ist eine Konstruktion.

Bea:Eine Konstruktion? Das ist doch ein Mensch, keine Brücke! Ich will das Gefühl einfangen, den Ausdruck, die Lebendigkeit! Wenn ich mit Lineal und Zirkel rangehe, dann sieht das am Ende aus wie ein Roboter, nicht wie ein Mensch! Ich male, was ich sehe, und manchmal klappt es ja auch! Meine Mutter fand das Porträt vom Hund super!

Richard:Ein Hund ist keine Referenz für menschliche Proportionen, Bea. Und das „Gefühl“ kannst du erst einfangen, wenn die Basis stimmt. Wir haben doch die goldenen Regeln der Porträtmalerei: Der Kopf ist so viele Augen breit, die Augen liegen auf der Hälfte des Kopfes, die Nase endet auf halbem Weg zwischen Augenlinie und Kinn. Das sind keine Dogmen, das sind Werkzeuge! Wenn du diese Hilfslinien nicht ziehst, ist es wie ein Haus ohne Fundament.

Bea:Aber diese ganzen Linien und Kreise… das nimmt mir die Spontaneität! Ich will doch einfach loslegen können, den Stift fliegen lassen! Wenn ich da erst anfange, Millimeter abzumessen, ist die ganze Lust schon wieder weg. Und außerdem, ein Gesicht ist doch einzigartig! Nicht jeder hat die gleichen Proportionen.

Richard:Natürlich nicht! Aber die Grundstruktur ist immer gleich. Erst, wenn du diese beherrschst, kannst du bewusst davon abweichen, um die Einzigartigkeit des Porträtierten zu betonen. Du verzichtest auf eine Landkarte und wunderst dich dann, wenn du dich verläufst. Meine Linien und Kreise sind keine Fesseln, Bea, sie sind ein Gerüst. Sie geben dir die Sicherheit, dass die Proportionen stimmen, bevor du dich den Feinheiten widmest. So kannst du dich auf den Ausdruck konzentrieren, statt um die Anatomie zu kämpfen.

Bea: (blickt wieder zu ihrem verzerrten Porträt und dann neidisch zu Richards perfekt konstruiertem Werk) „Na gut, vielleicht… vielleicht ist an deinem Gerüst ja doch was dran. Aber nur ein bisschen! Ich fang trotzdem lieber mit den Augen an.“

zwei künstler malen portraits, eines wie eine Karikatur, eines genau skizziert
Portraits malen ist eine richtige Herausforderung. Einfach drauflosmalen oder mathematisch planen und skizzieren?

Der Fakten-Check: Die Balance zwischen Freiheit und Struktur beim Porträt-Zeichnen

Porträts gehören zu den Königsdisziplinen, weil kleine Abweichungen sofort als „falsch“ wahrgenommen werden.

1. Warum Richards Ansatz so wichtig ist (Grundlagen der Proportionen):

  • Der Loomis-Ansatz: Eine beliebte Methode, die Richard anwendet, ist die des Künstlers Andrew Loomis. Sie beginnt mit einem Kreis und teilt das Gesicht in Drittel (Haaransatz, Augenbrauen, Nasenansatz, Kinn).

  • Die 5-Augen-Regel: Der Kopf ist von Schläfe zu Schläfe etwa fünf Augen breit.

  • Die Hälfte-Linie: Die Augen liegen genau auf der Hälfte der Kopfhöhe.

  • Nase und Mund: Die Nase endet auf halbem Weg zwischen Augen und Kinn; der Mund liegt etwa auf einem Drittel des Weges von der Nase zum Kinn.

    Diese Hilfslinien sind keine starren Regeln, sondern ein Startpunkt, um die Platzierung zu verstehen.

2. Warum Beas Impuls auch seinen Wert hat (Die Kraft der Beobachtung):

  • Das Ganze vor dem Detail: Bea versucht, das Gesamte zu erfassen. Das ist wichtig, um nicht in zu viele Details zu verfallen, bevor die Grundform steht.

  • Ausdruck & Ähnlichkeit: Manchmal trifft man die Ähnlichkeit intuitiv, indem man charakteristische Merkmale überbetont. Das ist die Stärke der Karikatur und kann auch in realistischen Porträts genutzt werden, wenn die Basis stimmt.

  • Übung macht den Meister: Beas „Frei Schnauze“ trainiert das Auge für Proportionen über die Zeit, wenn auch auf einem mühsameren Weg.

Unser Fazit: Realistisch Zeichnen muss nicht der Königsweg sein, entwickle deinen eigenen Zeichenstil

Schau dir Richards Methode auf jeden Fall mal an! Sie hilft dir enorm Gesichtsproportionen zu erkennen und wird auch dein Freihandzeichnen verbessern. Allerdings kann es sein, dass du für diese Art von Portraits einfach wirklich nicht gemacht bist!

Frei gezeichnete Gesichter mit verschobenen Proportionen sind für Illustrationen, Comics, Kinderbücher und Karikaturen sehr gefragt. Bevor du dich also abquälst mit Techniken und Methoden, die dich deinem eigenen Stil nur entfremden, schau doch mal ob deine Gesichter nicht ihren eigenen Reiz haben und Betrachter ihre Freude an genau diesem Zeichenstil haben.

Nimm dir als Vorbild Kinderbücher, in denen so gut wie nie realistisch gemalte Gesichter vorkommen, denn hier ist es wichtiger den kindlichen Lesern die Stimmung der Figur zu veranschaulichen und den Niedlichkeitsfaktor herauszuarbeiten.

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