Das Atelier-Duell (8): Abstrakte Kunst – Geniale Vision oder „Das kann ich auch“?

Das Thema „Abstrakte Kunst“ ist der ultimative Härtetest für die Freundschaft unserer beiden Künstlerseelen Bea und Richard. Da beide eigentlich aus der Ecke des Zeichnens kommen, prallen hier theoretisches Wissen und bodenständiger Pragmatismus besonders heftig aufeinander.

Abstrakte Kunst – wie findest du den Zugang dazu?

Bea: (steht mit verschränkten Armen vor einer großen Leinwand in einer Galerie, auf der lediglich ein riesiger, blauer Kreis und drei gelbe Spritzer zu sehen sind) „Also Richard, jetzt mal ehrlich. Das hier soll 15.000 Euro kosten? Ein blauer Kreis? Das hat meine Nichte im Kindergarten letzte Woche auch gemacht – und sie hat dafür nur eine Packung Gummibärchen bekommen. Ich verstehe ja vieles, aber das ist doch einfach nur… nichts!

Richard: (rückt seine Brille zurecht und blickt fast andächtig auf die Leinwand) „Bea, du betrachtest es mit den falschen Augen. Es geht hier nicht um handwerkliche Akrobatik oder die Kopie der Natur. Das ist die Befreiung der Farbe von der Form! Der Künstler hat Monate damit verbracht, genau dieses Blau zu finden und den Kreis so zu platzieren, dass er das gesamte Gleichgewicht des Raumes verändert. Es ist pure Emotion, destilliert auf das Wesentliche.

Bea:Emotion? Wenn ich einen blauen Kreis sehe, denke ich an eine vergessene Blaubeere oder ein schlecht gemaltes Verkehrszeichen. Wo ist denn da die Leistung? Wenn ich Stunden brauche, um ein Porträt so zu schattieren, dass die Nase nicht wie eine Kartoffel aussieht, dann ist das Arbeit. Aber das hier? Das ist doch nur kluges Marketing für Leute, die zu viel Geld haben und sich wichtig fühlen wollen, wenn sie über „Spannungsverhältnisse“ schwadronieren.

Richard: (seufzt geduldig) „Es ist eben keine „Arbeit“ im Sinne von Fließbandarbeit. Es ist eine intellektuelle Leistung. Abstraktion ist die höchste Stufe der Kunst. Man muss die Regeln der Realität perfekt beherrschen, um sie so radikal brechen zu können. Picasso hat gesagt, er habe sein ganzes Leben gebraucht, um wieder wie ein Kind zeichnen zu können. Das, was du als „einfach“ abtust, ist das Ergebnis eines langen Prozesses der Weglassung.

Bea:Mag ja sein, dass der Typ malen konnte. Aber warum muss ich mir dann das Ergebnis seiner „Weglassung“ anschauen? Ich will in einem Bild versinken, Details entdecken, das Licht in den Bäumen sehen. Bei diesem blauen Klecks bin ich nach zwei Sekunden fertig. Da gibt es nichts zu entdecken, außer dass der Maler vielleicht mal seinen Pinsel hätte auswaschen sollen. Ist es wirklich Kunst, wenn man eine Bedienungsanleitung braucht, um zu verstehen, warum es Kunst sein soll?

Richard:Kunst muss nicht erklären, sie muss wirken. Wenn du dich darauf einlassen würdest, könntest du spüren, wie die Ruhe dieses Kreises dich erdet. Aber du suchst immer nach dem Gegenständlichen, an dem du dich festhalten kannst. Abstraktion ist Freiheit, Bea. Die Freiheit, nichts sein zu müssen außer Farbe und Energie.

Bea: (schmunzelt) „Weißt du was? Ich nenne diese Freiheit „Frühstückspause“. Ich gehe jetzt nach Hause und male einen roten Viereck. Wenn ich es für 10.000 Euro verkaufe, lade ich dich zum Essen ein. Aber nur, wenn du mir bis dahin erklären kannst, warum mein Viereck schlechter ist als dieser Kreis hier!

Buchtipps zum Thema (Amazon):

Und was denkst du? Standst du nicht auch mal wie Bea fassungslos vor „moderner Kunst“ oder lässt du dich wie Richard auf alles ein?

Künstler betrachten ein abstraktes Bild
Abstrakte Kunst – nicht jeder kann damit etwas anfangen.

Der Fakten-Check: Warum Abstraktion schwieriger ist, als es aussieht

1. Die Komposition ist alles

In einem realistischen Bild hilft uns die Realität: Ein Baum steht am Boden, der Himmel ist oben. In der Abstraktion gibt es diesen Halt nicht. Der Künstler muss das Auge des Betrachters allein durch Gewicht, Farbe und Linie führen. Wenn die Balance nicht stimmt, wirkt das Bild „falsch“, ohne dass man sofort sagen kann, warum. -> Kunst und Komposition – kunstreiche

2. Die „Das kann ich auch“-Falle

Ja, einen Klecks zu machen ist einfach. Aber ein Werk zu schaffen, das eine konsistente Bildsprache hat und in einer Serie funktioniert, erfordert enormes Wissen über Farbwirkung und Material. Viele berühmte Abstrakte waren Meister des Realismus, bevor sie sich entschieden, ihn hinter sich zu lassen.

3. Der emotionale Zugang

Abstrakte Kunst funktioniert oft wie Musik. Man fragt bei einer Symphonie auch nicht: „Was stellt dieser Ton dar?“ Man fühlt ihn einfach. Wer versucht, abstrakte Kunst zu „lesen“ wie ein Buch, wird oft enttäuscht. Man muss sie „hören“ und fühlen wie ein Lied.

Unser Fazit: Du musst abstrakte Kunst nicht mögen, um sie zu respektieren. Sie ist ein hervorragendes Training für jeden Zeichner, um mehr über Bildaufbau zu lernen, ohne sich in Details zu verlieren. Oft bekommt man auch erst nach Jahren einen Zugang zu dieser Stilrichtung. Und je mehr du dich über Abstrakte Kunst informierst, Galerien besuchst, mit Künstlern redest, umso faszinierender wird sie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert