Die meisten Künstler suchen Öffentlichkeit und Ruhm. Sie stellen aus, verkaufen ihre Werke und bauen sich einen Namen auf. Und dann gibt es Menschen wie Renate Ites aus Oldenburg, die ihr gesamtes Leben lang Kunst geschaffen haben – ohne Applaus, ohne Galerie und ohne Publikum.
Erst im Alter von 80 Jahren hat sich die ehemalige Altenpflegerin dazu entschlossen, ihr Lebenswerk der Öffentlichkeit zu zeigen. Was Besucher hinter ihrer Wohnungstür erwartet, ist weit mehr als eine Sammlung von Bildern: Eher ein begehbares Gesamtkunstwerk, denn Wände, Möbel, Fensterrahmen, Fußböden, Kleidung und sogar Alltagsgegenstände wurden über Jahrzehnte hinweg von ihr bemalt und gestaltet.
Ein Leben voller Farben
Renate Ites malt nach eigenen Angaben bereits seit ihrer Kindheit. Eine Kunstlehrerin erkannte früh ihr Talent, und sogar die Aufnahme an einer Kunsthochschule gelang ihr. Doch das Leben nahm einen anderen Weg: Sie wurde Mutter, Hausfrau und später Altenpflegerin. Die Kunst verschwand jedoch nie aus ihrem Alltag, sondern wurde zu einem ständigen Begleiter.
Über viele Jahrzehnte entstanden unzählige Werke – allerdings nicht für Ausstellungen oder Käufer. Renate Ites malte ausschließlich für sich selbst. Dabei wurde ihre Wohnung zu einer Art persönlichem Tagebuch, in dem sie Gefühle, Erinnerungen und Eindrücke in Farben und Formen festhielt.
Kunst als Sprache der Seele
Besonders berührend ist ihre Erklärung, warum sie überhaupt malt: Das Malen war für sie immer eine Möglichkeit, Dinge auszudrücken, die sie mit Worten nicht sagen konnte. Die Bilder wurden zu einer Form der Selbstverständigung und Selbstheilung. So beschreibt sie Kunst als etwas, das sie durchs Leben getragen hat.
Ihre Geschichte erinnert daran, wie viele KünstlerInnen nicht aus Karrieregründen kreativ wurden, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Kunst ist für Renate Ites daher kein Beruf, sondern ein lebenslanger Dialog mit sich selbst.
Eine Wohnung wie aus einer anderen Welt
Wer die Bilder ihrer Wohnung sieht, erkennt schnell: Hier wurde nicht dekoriert, sondern gelebt. Kaum eine Fläche blieb unbemalt. Möbel wurden mehrfach überarbeitet, Wände verwandelten sich in Bildflächen. Selbst Kleidung und Accessoires bezog die Künstlerin als Teil des kreativen Prozesses mit ein.
Das Ergebnis wirkt wie eine Mischung aus Atelier, Tagebuch und Fantasiewelt. Jeder Raum erzählt eine Geschichte und zeigt, wie konsequent Renate Ites ihre Kreativität in den Alltag integriert hat.
Warum ihre Geschichte so inspirierend ist
Die Geschichte von Renate Ites ist ein wunderbares Gegenbeispiel zu der Vorstellung, Kunst müsse erfolgreich, bekannt oder kommerziell sein. Sie zeigt, dass Kreativität ihren Wert nicht erst durch Likes, Verkäufe oder Ausstellungen erhält.
Acht Jahrzehnte lang schuf sie Kunst allein aus Freude, Neugier und innerem Antrieb. Erst jetzt, mit 80 Jahren, öffnet sie ihre Tür für die Öffentlichkeit. Vielleicht liegt gerade darin die größte Botschaft ihres Lebenswerks: Es ist nie zu spät, sich als Künstlerin oder Künstler zu zeigen!
Was Zeichner und Kreative daraus lernen können
Für alle, die zeichnen, malen oder gestalten, steckt in ihrer Geschichte eine wichtige Erinnerung: Nicht jedes Bild muss perfekt sein, nicht jede Arbeit muss zwingend veröffentlicht werden. Kreativität darf auch einfach ein persönlicher Raum sein, in dem Gedanken, Gefühle und Ideen sichtbar werden.
Renate Ites hat vorgemacht, wie ein ganzes Leben von Kunst begleitet werden kann: leise, unbeachtet und dennoch voller Ausdruckskraft. Und wer weiß, vielleicht ist genau das die reinste Form von Kunst.
Weitere Infos und Bilder ihrer Wohnung: Nach 80 Jahren: Oldenburger Malerin zeigt ihr Lebenswerk | ndr.de

Anmerkung:
Der Stil von Renate Ites muss nicht jedem gefallen, es ist ein sehr eigenwilliger Stil, bei dem die Farben Weiß, Schwarz und Rot vorherrschen. Ihre Farbspritzer erinnern manchmal an Blut. Es wundert kaum, dass Malen für sie Therapie ist – Farbspritzer in der eigenen Wohnung zu verteilen, muss sehr befreiend sein.
Es ist keine Wohnung, in die viele Menschen freiwillig einziehen würden – und das ist auch ein wichtiger Punkt. Wir sind es so gewohnt, anderen „gefallen“ zu müssen, dass wir unsere Wohnungen auch möglichst gefällig und manche auch extra protzig einrichten oder exakt so wie im Möbelhaus.
Umso erstaunlicher ist es, dass diese Frau einfach über Jahrzehnte den Mut hatte, sich von all diesen gesellschaftlichen Zwängen frei zu machen und sich ihre Wohnung so zu bemalen, wie es vielleicht nur ihr gefällt.