Rezension „Das Dorf der Fische“ von Pei-Yu Chang und Daniel Fehr

Mit „Das Dorf der Fische“ ist im Kunstanstifter Verlag ein weiteres Bilderbuch erschienen, das nicht nur eine fantasievolle Geschichte erzählt, sondern vor allem visuell durch interessante Collagentechnik beeindruckt.

„Das Dorf der Fische“ – Poetische Collagekunst zwischen Fantasie und Erinnerung

Autor Daniel Fehr und Illustratorin Pei-Yu Chang erschaffen hier gemeinsam eine geheimnisvolle Unterwasserwelt, die irgendwo zwischen Traum, Erinnerung und Kunstinstallation anzusiedeln ist.

Wie das bei der kindlichen Fantasie so ist, reicht ein Kuriosum, das entdeckt wird und es geht los mit der Traumreise. Hier reicht ein aus dem Wasser ragender Kirchturm um sich eine skurrile Unterwasserwelt auszudenken, in denen die Fische und Wassertiere alle möglichen Freiheiten haben, die Kinder nicht haben. Beispiel: Auf der Schultafel kann nicht geschrieben werden, weil die Kreide unter Wasser nicht hält – Pech! Gibt es halt keine Schule und auch keine Noten. Und dieser Tenor wird beibehalten.

Rezension „Das Dorf der Fische“ von Pei-Yu Chang und Daniel Fehr

Man kann sich denken, dass dieses Buch also eine kleine Erholungsreise darstellt für alle Kinder, die sich von den alltäglichen Pflichten und dem leider schon früh beginnenden Leistungsdruck eingeengt fühlen.

Ausgangspunkt der Geschichte ist der berühmte versunkene Kirchturm im Reschensee in Südtirol. Zwei Kinder fragen sich: Wie mag das Dorf unter Wasser heute aussehen? Aus dieser einfachen Idee entwickelt sich die poetische Bilderreise voller kindlicher Vorstellungskraft.

Das Buch ist geeignet für Kinder ab 3 Jahren zum gemeinsamen Lesen und Entdecken mit den Eltern und natürlich für Grundschulkinder, die auch ihren Spaß an den Texten haben.

Rezension „Das Dorf der Fische“ von Pei-Yu Chang und Daniel Fehr

Kunstvolle Collagen statt klassischer Bilderbuch-Illustrationen

Besonders faszinierend ist die visuelle Gestaltung von Pei-Yu Chang, deren Illustrationen mehr moderne Mixed-Media-Collagen sind als klassische Bilderbuchzeichnungen. Fotografien, Papierstrukturen, gemalte Elemente und grafische Flächen verschmelzen miteinander und erzeugen eine ganz eigene Atmosphäre.

Das passt in die heutige Zeit, in der Junk Journals boomen und auch Erwachsene Collagen als nervenberuhigendes Hobby entdecken. Statt alles realistisch zu zeigen, arbeitet Chang mit Andeutungen und visuellen Fragmenten.

Rezension „Das Dorf der Fische“ von Pei-Yu Chang und Daniel Fehr

Interessant ist die Einbindung historischer Fotografien der Landschaft vor der Flutung des Dorfes. So entsteht ein reizvoller Kontrast zwischen dokumentarischer Realität und verspielter Fantasie. Wir haben hier ein Buch, das gleichzeitig Bilderbuch für Kinder ist, Kunstobjekt und Erinnerungsmedium für die Leute, die das alte Dorf noch kannten.

Farben, Formen und Unterwasserstimmung

Die Farbpalette umfasst sanfte Blau-Grün-Töne für das Wasser des Sees, Beige für den Strand und kleinere bunte Farbakzente. So entsteht eine entspannende Wirkung.

Auch die Perspektiven sind interessant: Mal blickt man wie ein Taucher in die Tiefe, dann wieder scheinen Häuser und Fische schwerelos durch den Raum zu schweben. Dadurch entsteht ein traumähnlicher Eindruck, der sehr gut zur Geschichte passt.

Rezension „Das Dorf der Fische“ von Pei-Yu Chang und Daniel Fehr

Ein Bilderbuch für kreative Leser

Obwohl das Buch offiziell als Kinderbuch erscheint, richtet es sich auch an Erwachsene, die sich für Illustration, Collagekunst oder außergewöhnliche Bilderbücher interessieren.

Gerade für Menschen, die selbst zeichnen, malen oder gestalten, bietet „Das Dorf der Fische“ tolle inspirierende Ideen: skurrile Kompositionen, ungewöhnliche Materialkombinationen und ein schönes Beispiel dafür, wie erzählerische und künstlerische Ebenen ineinandergreifen können.

Man kann schon sagen, das ist kein actionreiches Bilderbuch, sondern ein kleines atmosphärisches Kunstwerk voller Fantasie.

An diesem Beispiel sieht man auch schön, wie das Medium Kinderbuch Künstlern tolle Möglichkeiten zur Gestaltung bietet.

Die Texte: Kindliche Fantasie in wenigen Worten

Auch sprachlich geht „Das Dorf der Fische“ einen besonderen Weg:  Die Texte bleiben bewusst knapp und wirken wie echte Gespräche oder Gedanken von Kindern.

Gerade dadurch entsteht viel Charme und beiläufiger Humor durch kindliche Logik. Die kurzen Sätze und „trockenen“ Kommentare lassen den Bildern viel Raum und ergänzen die Illustrationen, statt sie zu überladen. Text und Bild arbeiten hier sehr harmonisch zusammen.

Besonders angenehm ist, wie die Geschichte nie zu erklärend oder pädagogisch wirkt: Die Fantasie darf einfach treiben.

Über die Autoren:

Pei-Yu Chang, 1979 in Taipeh (Taiwan) geboren, studierte Deutsche Kultur und Sprache sowie Deutsche Literaturwissenschaft in Taipeh. Bei ihrer Promotion über die »Chaostheorie in der Literaturwissenschaft« an der Universität Münster entdecket sie ihre Leidenschaft zur Buchkunst. Sie nahm dann 2012 noch ein Studium im Bereich Kommunikationsdesign und Illustration auf. Heute lebt und arbeitet sie in Münster. Ihr erstes Bilderbuch, auch im Kunstanstifter Verlag erschienen ist „Hundebraten süßsauer?!“
Daniel Fehr, geboren 1980 in Winterthur, schrieb bereits dreißig Bücher und Spiele für Kinder, Familien und Erwachsene. Viele seiner Werke wurden international ausgezeichnet. Daniel lebt und arbeitet in der Schweiz. -> https://www.danielfehr.ch

 

Leseprobe

Rezension „Das Dorf der Fische“ von Pei-Yu Chang und Daniel Fehr

ISBN: 978-3-948743-12-3
Format: 220 x 280 mm
Umfang: 32 Seiten
ET: 24.02.2023
Preis: 22 € (D)/ 22,70 € (A)

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