Bilder fotorealistisch nachmalen mit Raster und Vergrößerung? Bea und Richard halten nicht so viel davon. Was meinst du zu diesem Thema?
Fotorealistische Bilder sind aktuell im Trend. Kunden geben den Künstlern ein Foto ihrer Liebsten oder ihres Haustieres und der Künstler malt dieses Foto 1:1 ab. Und zwar indem über das Foto ein Raster gelegt wird und dieses auf Papier übertragen.
Per Vergrößerung am Tablet und co. kann man auch winzige Katzenhaare exakt nachmalen. Es ist mit viel Arbeit, Konzentration und Fleiß verbunden, aber ist es noch Kunst? Darüber streiten sich die Geister…
Bea: (blättert durch ein Kunstmagazin und zeigt Richard ein hyperrealistisches Gemälde einer Kaffeetasse, das aussieht wie ein Foto) „Guck mal, Richard! Da hat jemand ein Bild gemalt, das aussieht wie ein Foto. Die haben dafür bestimmt ein Raster benutzt oder ein Tablet mit dem Foto untergelegt und dann einfach abgezeichnet. Das ist doch… langweilig, oder?„
Richard: (nimmt das Magazin, inspiziert das Bild genau und nickt langsam, mit einem Anflug von Enttäuschung in der Stimme) „Langweilig ist noch untertrieben, Bea. Das ist die Kapitulation vor dem Sehen. Wenn ich eine Fotografie reproduzieren möchte, mache ich ein Foto. Ein Maler, der ein Raster über eine Leinwand legt und Kästchen für Kästchen ausmalt, reproduziert lediglich Pixel. Er komponiert nicht, er interpretiert nicht, er schafft nicht.“
Bea: „Genau! Mir nimmt das die ganze Freude. Wo ist denn da die eigene Leistung? Ich will ja, dass mein Porträt wie mein Nachbar aussieht, nicht wie eine Kopie von seinem Passfoto. Ich versuche, die Essenz einzufangen, nicht jedes einzelne Haar auf seiner linken Augenbraue. Und wenn ich dann ein Bild sehe, das so perfekt ist, dass es aussieht wie ein Druck, denke ich: Warum nicht einfach ein Foto machen? Das ist doch viel schneller!„
Richard: „Weil Fotografie und Malerei zwei völlig unterschiedliche Sprachen sprechen, Bea. Ein Foto friert einen Moment ein, ein Gemälde interpretiert ihn durch die Augen des Künstlers. Wenn man sich ausschließlich auf Raster oder Projektoren verlässt, entzieht man sich dem Prozess des Sehens und Übersetzens. Man lernt nicht, eine Form zu vereinfachen, eine Farbe zu intensivieren oder eine Lichtstimmung zu überhöhen. Es ist ein mechanischer Prozess, der die Seele aus der Kunst saugt.„
Bea: „Und es ist auch so steif! Wenn ich mit dem Raster arbeite, kann ich nicht mal eben eine Nase ein bisschen größer machen, weil sie im Original so lustig aussieht. Ich bin ja froh, wenn meine Augen nicht auf zwei verschiedenen Höhen sind, aber dieses pixelgenaue Abmalen… da geht die ganze Spontanität flöten. Es ist wie Malen nach Zahlen für Erwachsene, nur viel schwieriger und langweiliger!„
Richard: „Exakt! Es ist die Illusion von Perfektion ohne die Herausforderung der eigentlichen Schöpfung. Natürlich, es gibt Meister des Hyperrealismus, die das Raster als Hilfsmittel nutzen, um unglaubliche Details zu erreichen. Aber selbst diese Künstler müssen die Form verstehen, die Pigmente mischen und die Textur des Lebens abbilden. Wenn das Raster zum einzigen Werkzeug wird, ist es kein Handwerk mehr, sondern eine Form der Bildübersetzung.“
Bea: „Puh, Richard, da sind wir uns ja mal einig! Also, ich bleibe dabei, lieber ein schiefes Gesicht mit Herz als ein perfektes Foto ohne Seele.„
Richard: „Eine erstaunlich kluge Einsicht, Bea. Das unterschreibe ich sofort.„
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Halt Moment! Vergessen Bea und Richard da nicht etwas? Ja, Street-Art auf riesengroßen Gebäuden. Hier müssen die Künstler sogar nach Raster malen. Sie machen auf Papier eine Vorlage, legen ein Raster darüber und machen auf die Hauswand ein riesengroßes Raster, dann malen sie die Kästchen aus, allerdings stark vergrößert. Anders geht es nicht auf die Größe die Proportionen zu wahren und das ist auch einfach große Kunst, oder nicht? Allerdings sind die Vorlagen eben eigene Entwürfe.
Der Fakten-Check: Raster & Projektoren – Segen oder Fluch?
Das Reproduzieren von Vorlagen ist eine alte Technik. Die Ägypter nutzten Raster, Renaissance-Künstler nutzten Projektionsapparate (Camera Obscura).
Moderne Street Art auf riesengroßen Gebäuden kann oft nur mit Rastertechnik erstellt werden! Der moderne, digitale „Raster-Trend“ hat allerdings seine Tücken:
1. Wann Raster & Projektoren sinnvoll sind (als Hilfsmittel):
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Großformate: Für Wandbilder oder sehr große Leinwände kann ein Raster oder Projektor helfen, die Grundproportionen schnell und fehlerfrei auf den Untergrund zu bringen.
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Komplexe Kompositionen: Bei sehr vielen Elementen oder architektonischen Details spart es Zeit und verhindert große Fehler in der Anordnung.
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Lernen von Meistern: Um die Komposition und Proportionen alter Meister zu studieren, kann das Rastern hilfreich sein, um deren Aufbau zu analysieren.
2. Wann sie zur „Krücke“ werden (der kritische Punkt):
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Das Auge trainieren: Das Wichtigste beim Zeichnen und Malen ist, das Auge zu schulen. Ein Raster nimmt einem diese Aufgabe ab. Man lernt nicht mehr, Proportionen zu schätzen, Abstände zu messen oder Formen zu vereinfachen.
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Die „Foto-Seele“: Fotos haben eine andere Ästhetik als Gemälde. Wer ein Foto einfach abzeichnet, übernimmt auch dessen Bildsprache und verliert oft die eigene Interpretation.
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Verständnis der Form: Ein Raster hilft nicht, die dreidimensionale Form eines Kopfes oder die Anatomie eines Körpers zu verstehen. Man kopiert eine 2D-Fläche, nicht das Volumen dahinter.
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Spontaneität & Ausdruck: Der starre Fokus auf die exakte Reproduktion kann die Kreativität hemmen und dem Bild die Lebendigkeit nehmen.
Unser Fazit: Raster und Projektoren sind wie ein Taschenrechner: Sie erleichtern die Arbeit, wenn man die mathematischen Grundlagen beherrscht. Wer sie jedoch ständig nutzt, ohne das Einmaleins des Sehens und Zeichnens zu lernen, wird nie ein Verständnis für die Tiefe der Form entwickeln. Nutze sie als Werkzeug, aber lass sie nicht zur Gehhilfe werden!
Aber: Nach Raster Malen macht erstaunlich vielen Portraitkünstlern sehr viel Spaß und sie haben oft viele Kunden, die genau diese Art von Bildern bei ihnen bestellen. Und ein weiterer, wichtiger Punkt: Die Künstler haben mit dieser Technik enorm viel Spaß! Denn das Arbeiten mit Farben, Stiften, Pinsel ist einfach super entspannend. Und daher sollte man damit nicht so streng sein, oder?