Das zweite Kunstbilderbuch für Kinder des Illustratoren Reto Crameri aus der Schweiz ist genauso ungewöhnlich wie sein ausgezeichnetes Erstwerk „Alula“.
In der Forschung werden solche Bücher „challenging picturebooks“ oder avantgardistische Bilderbücher genannt – also Werke, die ästhetische und narrative Erwartungen infantil-klassischer Bilderbücher überschreiten oder verschieben.
Ja, und das kann schön überraschend wirken – auf uns Erwachsene, die eher andere Kinderbücher gewohnt sind. Allerdings ist dieses Kinderbuch auch im „kunstanstifter“ Verlag erschienen, wo der Name schon Programm ist.
📦 Kunstanstifter Verlag – KurzportraitJ
Jenseits vom klassischen Mainstream konzentriert sich dieser Verlag auf Werke, in denen Illustration, hochwertiges Design und spannende visuelle Erzählformen im Mittelpunkt stehen.
Das Programm umfasst illustrierte Bücher für Kinder und Erwachsene, erzählende Bilderbücher, illustrierte Romane oder auch jüngst thematisch ganz andere Genres – vom Koch- bis zum Reisebuch – immer mit der gemeinsamen Idee, Text und Bild in eine ästhetische Einheit zu bringen.
Die Titel berühren, regen zum Nachdenken an, durch außergewöhnliche Illustrationen. Kunstanstifter fördert visuelle Bücher als Kunstform.
Im Fokus stehen renommierte Illustratoren und Gestalter, die formale Risiken eingehen und neue visuelle Erzählweisen erforschen.
Die Produktion legt Wert auf Nachhaltigkeit: viele Bücher entstehen klimaneutral, auf FSC-zertifiziertem Papier und mit mineralölfreien Farben
Jetzt verstehen wir ein bisschen mehr von dieser neuen Art von Kinderbuch! Die kindliche Wahrnehmung ist eh eine andere als die der Erwachsenen und so dürfen Kinderkunstbücher auch unkonventionell gestaltet und aufgebaut sein.
Mal Pixel Mal gehört zu einer neuen Reihe von Bilderbüchern für Kinder, die visuelle Form vor den erzählerischen Aspekt setzen, wobei natürlich beides miteinander verwoben ist.
Freie Interpretationen und Assoziationen sind erlaubt. Aktuell wird das Spannungsfeld zwischen Kinderbuch und visueller Kunst intensiv erforscht und erlebt. Auch, weil diese Bücher die Lesekompetenz und die visuelle Wahrnehmung von Kindern stimuliert. Ganz ohne sich auf die herkömmliche Geschichte plus Text Formel zu stützen.
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Retro Crameri – Schweizer Illustrator
Der Autor Retro Crameri, geb. 1975 in Bern ist freischaffender Illustrator und zeichnet regelmäßig für Zeitungen und Magazine. Sein 2023 erschienenes Buch „Alula“ (auch im kunstanstifter Verlag erschienen) wurde von der Stiftung Buchkunst als eines der „Schönsten Deutschen Bücher“ ausgezeichnet und war für diverse Kinder- und Jugendbuchpreise nominiert.
Sein Arbeitsprozess ist eine Mischung aus Handzeichnung auf Papier und digitalen Techniken
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Crameris Illustrationsstil ist in der zeitgenössischen, konzeptuell geprägten Illustrationskunst zuzuordnen. Formale Reduktion, kontrollierte Farbflächen und eine bewusst offene Bildsprache zeichnen seine Werke aus.
Er lädt bewusst zur Interpretation ein. Sein Stil ist näher an moderner Plakat- und Editorialkunst als an der klassischen narrativen Illustration.
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Mal Pixel Mal – ein Robotermalbuch
Hier malt ein Roboter und das passt in die heutige Zeit. Das Buch ist strikt in 5 Farben gehalten: Dunkelblau, Mittelblau, Rot, Weiß, Grau. Diese Reduzierung in einem Kinderbuch ist schon die erste Überraschung.
Sie bewirkt, dass die kindliche Aufmerksamkeit sich auf die Formen konzentrieren kann. Im Zentrum des Geschehens steht Pixel, ein Malroboter. Seine Aufgabe ist es, so wird dem Leser erklärt, Bilder zu malen.
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Doch plötzlich wird er in seine Formen- und Farbenwelt hineingezogen – und hat anscheinend Spaß an seinem Chaos. Da tauchen die Kontrollmodule auf, die alles überwachen. Auf Pixel wartet viel Arbeit und zuletzt eine Begegnung mit einem fremden Wesen, das ihm einen ganz besonderen Auftrag erteilt…
Reto Crameri: »Aus dem Buchthema ergab sich die Idee, zwei gegensätzliche Bildsprachen miteinander in einen gestalterischen Dialog zu setzen. Deshalb sehen wir einerseits strenge, am Computer entstandene Formen, sogenannte Vektorzeichnungen, für die Roboter. Und andererseits Pinselspuren und Farbkleckse, die durch spielerisches Ausprobieren unterschiedlicher Malmedien und -utensilien entstanden. Alle diese Bildelemente wurden schließlich in einer digitalen Collage zusammengefügt.«

Zugang zum Buch für Erwachsene und Kinder
Der Autor hat das Buch gemeinsam mit seinem 5-jährigen Sohn Emilio erschaffen. Emilio liebt Roboter und malt sie auch. Die kindlichen Kleckse, wilden Kritzeleien und Farbspiele überfordern auch die Psyche der kindlichen Betrachter nicht – sie animieren selbst zum Stift zu greifen.
Kinder sehen hier keine Stilfragen wie die Erwachsenen, sondern das Angebot des Buches. Für sie zählen gar nicht so der Niedlichkeitsfaktor, wie wir das von Kinderbücher erwarten. Mal Pixel Mal bietet auch kein klares Identifikationsobjekt und keine emotionale Führung, es hat ebenso kein „Und die Moral von der Geschicht“.
Das bedeutet für Kinder Freiraum, eigene Geschichten zu erfinden, Stimmungen wahrzunehmen und assoziativ von Bild zu Bild zu springen. Das Buch spricht ganz sicher nicht jedes Kind und erst recht nicht jeden erwachsenen Betrachter an. Aber es ist ideal für Kinder, die gern beobachten, konstruieren und sich gerne in einer Betrachtung und Beschäftigung verlieren.

Suchen Kinder in Bilderbüchern allerdings erkennbare Figuren, Mimik, Wiederholung, Detailreichtum und vertraute Motive – so ist das Buch mit der reduzierten, distanzierten Bildsprache zunächst etwas Fremdartiges, das sie aber auch mal kennenlernen dürfen.
Wer sich an seine eigene Kindheit erinnert weiß vielleicht noch: Es gab Bücher, die liebte man und welche, die einem merkwürdig fremd blieben. Es gab Mal- und Zeichenstile, die man mochte und Figuren, die man immer wieder betrachtete, aber auch solche, die einen nicht erreichten. Das war aber kein Drama, sondern auch wichtig. So lernt man: „Das mag ich, das nicht. Das ist mein Malstil, das nicht.“ Daher ist es wichtig, Kindern verschiedene Arten von Bilderbüchern anzubieten und sie mit ihnen gemeinsam zu entdecken.
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Als am Ende die echten Kinderzeichnungen von Emilio erscheinen, sieht auch das lesende Kind den Unterschied zu den Roboterzeichnungen und bekommt gleich Lust, mit zu malen. Die großflächigen Illustrationen, sehr frei wirkend und ausufernd – nehmen dem Kind die Hemmung vor dem Malen und den Druck, ein „richtiges“ Bild zu malen.
Das Buch eignet sich somit in jedem Fall dazu, die künstlerische Ader früh zu fordern, zeigt es doch auf, dass es viele Wege zum Malen und zum Zeichnen gibt. Und somit auch viele Möglichkeiten, sich selbst auszudrücken oder seine Gefühle und Intentionen.
Kontext zur Vorgängerveröffentlichung „Alula“
Vor „Mal Pixel Mal“ erschien Crameris Kinderbuch „Alula: Garten / Urwald“ – ein wortloses Wendebuch, das zwei parallele Geschichten über spielende Kinder erzählt.
Dieses Werk löste in Fachkreisen große Begeisterung aus, weil es durch sparsame Strichführung und begrenzte Farbpalette (hauptsächlich Blau und Grün) eine phantasievolle Welt schafft, die Beobachtung und Interpretation fördert.
Auch wurde es für den Serafina-Nachwuchspreis Illustration 2023 nominiert.