Das Atelier-Duell (6): Junk Journals – Kreatives Upcycling oder sinnlose Klebe-Orgie?

Junk Journals – ein kreatives Hobby, das viele begeistert, von anderen aber belächelt wird. Was halten Bea und Richard davon?

Sticker, Washi-Tapes, alte Buchseiten – sind Junk Journals nur eine Spielerei oder Kunst?

Bea: (taucht begeistert aus einem Berg von alten Büchern, Stickern, Stoffresten und Glitzerfolien auf, hält ein prall gefülltes, wunderschön dekoriertes Journal in der Hand) „Schau mal, Richard! Mein neuestes Junk Journal! Ich habe alte Postkarten, die Rückseite eines Kaffeesacks, gestempelte Stoffreste und diese tollen Vintage-Sticker verwendet. Hier habe ich sogar noch ein altes Notenblatt bemalt und eingeklebt. Das ist so befriedigend, aus all dem „Müll“ etwas so Persönliches zu schaffen! Und es ist total entspannend, einfach drauf los zu kleben und zu malen.

Richard: (bleibt in respektvollem Abstand zu dem „Müllberg“ und betrachtet Beas Journal mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Abscheu) „Bea, das ist kein „Journal“, das ist ein akkumuliertes Potpourri aus Zufallsprodukten und vorgefertigten Kitsch-Elementen. Du klebst Dinge zusammen, die keinerlei intrinsischen Wert haben, und nennst es „kreativ“. Wo ist die Bildkomposition? Wo ist die Linie, die du selbst geschaffen hast? Du verbringst Stunden damit, Material zu recyceln, das schon existiert, anstatt eine einzige originelle Linie zu zeichnen. Das ist doch nur eine hochpreisige Bastelarbeit für Erwachsene!

Bea: (verdreht die Augen)“ „Hochpreisig“? Das meiste ist Upcycling! Ich rette alte Dinge vor dem Müll und gebe ihnen ein neues Leben. Und es ist total persönlich! Jede Seite erzählt eine Geschichte, auch wenn ich sie nicht zeichne. Und ich bemale die Sticker ja noch, ich gestalte die Seiten selbst, ich arrangiere alles! Es ist wie ein kleines tragbares Kunstwerk, das wächst und sich verändert. Du bist doch nur neidisch, weil du keine Lust hast, Dinge zu sammeln!

Richard:Neidisch? Ich schaffe Kunst, Bea, ich sammle sie nicht zusammen wie ein Eichhörnchen, das seine Wintervorräte hortet. Ein Journal soll ein Raum für Gedanken und eigene Beobachtungen sein, ein Ort, an dem sich der eigene Geist manifestiert. Deine „Junk Journals“ sind ein Sammelsurium fremder ästhetischer Entscheidungen. Diese gekauften Sticker – sie sind das Gegenteil von Originalität. Es ist die Angst, sich selbst auszudrücken, versteckt hinter einer Lawine von vorgefertigtem Glitzer und vorgegebenen Motiven.

Bea:Es ist eine andere Art von Kunst! Es ist Textur, es ist haptisch, es ist ein Tagebuch für die Seele. Und es ist zugänglich! Jeder kann das machen, ohne ein Studium zu brauchen. Nicht jeder will eine perspektivisch korrekte Ruine zeichnen, Richard. Manchmal will man einfach nur etwas Schönes und Einzigartiges schaffen, das von Herzen kommt. Und mein Herz liebt diese alten Bücher und Schnipsel!

Richard:Dein Herz mag es lieben, Bea, aber dein Auge verkümmert dabei. Du lernst nicht, eine leere Seite zu füllen, weil sie immer schon von fremden Elementen vorstrukturiert ist. Es ist wie Malen nach Zahlen mit mehr Chaos. Eine Ablenkung von der eigentlichen Arbeit, die es bedeutet, eine eigene künstlerische Vision zu entwickeln. Du bastelst, Bea. Ich zeichne…

Bea: (klebt demonstrativ einen besonders glitzernden Sticker auf ihre aktuelle Seite) „Dann bastel ich eben mein Leben lang glücklich! Und du kannst ja weiter überlegen, ob dein Bleistiftstrich perfekt genug ist, um überhaupt das Papier zu berühren!

Mädchen bastelt ein Junk Journal am Schreibtisch
Bea und Richard haben komplett verschiedene Ansichten zum Hobby Junk Journals.

Der Fakten-Check: Junk Journals – Kreativität und Grenzen

Bevor du dir eine Meinung bildest, probiere Junk Journaling oder Scrapbooking unbedingt mal aus. Material findest du überall! Papieretiketten von Kleidung, alte Buchseiten, Zeitungsausschnitte, alte Postkarten, Sticker.

Die Faszination von Junk Journals (Beas Perspektive):

  • Upcycling & Nachhaltigkeit: Alte Bücher, Verpackungen, Stoffreste bekommen ein zweites Leben. Das schont Ressourcen und regt die Fantasie an.

  • Haptisches Erlebnis: Die Kombination verschiedener Materialien und Texturen ist ein sinnliches Erlebnis, das bei digitalen Medien fehlt.

  • Stressabbau & Achtsamkeit: Das Sammeln, Sortieren und Kleben kann sehr meditativ wirken und hilft, den Kopf frei zu bekommen.

  • Niedrige Hemmschwelle: Es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Wege. Das Experimentieren steht im Vordergrund, was besonders für Anfänger befreiend ist.

  • Persönlicher Ausdruck: Auch durch die Auswahl und Anordnung fremder Elemente entsteht ein einzigartiges, persönliches Werk, das eine Geschichte erzählen kann.

Richards kritische Einordnung: Wo sind die Grenzen?

  • Mangelnde Originalität (im Kern): Richard kritisiert, dass oft die grundlegende Komposition und viele visuelle Elemente von außen kommen (gefundene Bilder, Sticker).

  • Verpasstes Training: Die Konzentration auf das Sammeln und Arrangieren kann vom Training grundlegender Zeichen- und Malfertigkeiten (Perspektive, Anatomie, Licht/Schatten) ablenken.

  • Weniger Kompositionslehre: Anders als beim Zeichnen, wo man eine leere Fläche gestalten muss, ist bei Junk Journals die Fläche oft schon durch das Material vorgegeben oder schnell gefüllt.

Unser Fazit: Junk Journals sind eine wundervolle Form der kreativen Entspannung und des persönlichen Ausdrucks, die den Blick für Texturen und die Freude am Sammeln schult. Wer jedoch tiefer in die künstlerische Gestaltung eintauchen will, sollte Junk Journals als Ergänzung zu eigenständigem Zeichnen und Malen sehen. Sie können inspirieren, sollten aber nicht das einzige Ventil für deine Kreativität sein.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert