Wie meistens sind sich unsere beiden Künstlerfiguren Bea und Richard uneinig, diesmal geht es um das Thema Mangas. Was denkst du darüber, schon mal versucht welche zu malen?
Manga zeichnen lernen: Zwischen anatomischer Korrektheit und künstlerischer Freiheit
Manga ist längst kein reines Nischenphänomen mehr, sondern hat sich weltweit als eine der einflussreichsten Kunstformen etabliert. Doch während Millionen Fans die dynamischen Linien und emotionalen Ausdrücke lieben, stellt sich in der Kunstwelt oft die Frage: Ist das Zeichnen von Manga-Charakteren echtes Handwerk oder nur das Kopieren von Klischees?
Wer Manga zeichnen lernen möchte, stellt schnell fest, dass hinter den markanten Merkmalen wie den großen Augen und den spitzen Frisuren eine komplexe Stilisierung der menschlichen Anatomie steckt. Profis nutzen Techniken wie das Inking (Tuschen) und das Rastern, um Tiefe und Dynamik zu erzeugen. In unserem heutigen Atelier-Duell prallen zwei Welten aufeinander: Hobby-Künstlerin Bea ist fasziniert von der Ausdruckskraft moderner Mangaka, während Traditionalist Richard die klassischen Proportionsregeln des Realismus verteidigt.
Erfahre warum die Beherrschung der Loomis-Methode auch für Comic-Zeichner essenziell ist und wie die sogenannte „Deformation“ gezielt eingesetzt wird, um Emotionen zu verstärken.
Das Atelier-Duell: Bea im Manga-Wahnsinn, Richard genervt
Bea: (sitzt mit glühenden Wangen über einem Blatt Papier und zieht mit einem feinen Fineliner extrem spitze Strähnen) „Richard, schau mal! Ich habe diese Künstlerin auf Instagram entdeckt. Ihr Stil ist Wahnsinn! Diese Dynamik, diese riesigen, funkelnden Augen und die Haare… ich versuche mich gerade an einem „Shonen“-Charakter. Das macht so viel mehr Spaß als diese ewig gleichen, realistischen Gesichter!„
Richard: (tritt näher, kneift die Augen zusammen und lässt einen langen, gequälten Seufzer los) „Bea… das kann nicht dein Ernst sein. Du hast Wochen damit verbracht, die menschliche Anatomie zu studieren, nur um jetzt alles für… das hier wegzuwerfen? Das sind keine Augen, das sind Scheinwerfer. Und die Nase ist nur ein kleiner Punkt! Das ist keine Kunst, das ist eine industrielle Schablone. Alles sieht gleich aus, alles ist hoffnungslos übertrieben und – verzeih mir – zutiefst kindisch.„
Bea: „„Kindisch“? Von wegen! Hast du dir mal die Hintergründe in manchen Mangas angesehen? Oder die Anatomie bei Kampfszenen? Das ist hochkomplex! Nur weil es nicht wie ein Ölgemälde aus dem 18. Jahrhundert aussieht, heißt es nicht, dass es keine Kunst ist. Es ist eine eigene Sprache. In diesen Augen liegt mehr Emotion als in deinen perfekt schattierten „Craniums“, Richard! Da funkelt das Leben, da ist Action drin!„
Richard: „Emotion durch Verformung ist ein billiger Trick, Bea. Man vergrößert das Auge, um Sympathie zu erzwingen – das ist biologische Manipulation, kein künstlerischer Ausdruck. Echte Kunst findet die Emotion in der feinen Nuance eines Mundwinkels, nicht in einem Schweißtropfen von der Größe eines Tennisballs, der über die Stirn rollt. Außerdem: Diese Haare! Sie verletzen sämtliche Gesetze der Schwerkraft und der Logik.„
Bea: „Genau das ist doch der Punkt! Es ist Freiheit! Manga darf alles. Es ist expressiv, mutig und erreicht Millionen von Menschen. Während du noch darüber philosophierst, ob die Lichtreflexion auf der Iris physikalisch korrekt ist, haben Manga-Zeichner schon eine ganze Welt erschaffen. Ich finde es toll, dass ich hier mit Formen spielen kann. Und schau mal, wie cool die Rasterfolie aussieht!„
(Tipp der Redaktion: Lies unsere Erklärung und Anleitung für Rasterfolien)
Richard: (schüttelt den Kopf) „Rasterfolie… mechanische Muster statt echtem Schattenwurf. Du tauschst Handwerk gegen Abkürzungen. Wenn du so weitermachst, verlernst du noch, wie ein echtes Gesicht funktioniert. Man muss die Realität erst beherrschen, bevor man sie so… deformiert.„
Bea: (lacht) „Aber Richard, ich kenne die Realität doch jetzt! Gerade weil ich weiß, wo das Auge hingehört, weiß ich auch, wie weit ich es für den Effekt vergrößern kann. Gib es zu: Du hast einfach nur Angst, dass dir ein bisschen Glitzer und Action in deinem staubigen Atelier die Ordnung durcheinanderbringen!„
Der Fakten-Check: Manga als ernstzunehmende Kunstform
Richard mag die Nase rümpfen, aber Manga ist technisch weitaus anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick scheint.
1. Anatomie in der Abstraktion
Manga-Zeichner nutzen eine Technik namens „Deformation“. Dabei werden anatomische Merkmale nicht zufällig, sondern gezielt verändert, um Emotionen zu verstärken. Um einen Manga-Charakter wirklich gut zu zeichnen, muss man die echte Anatomie (Richards Welt!) perfekt beherrschen, um zu wissen, welche Linien man weglassen oder betonen kann.
2. Die Kunst der Linie (Lineart)
Während in der klassischen Malerei oft Flächen dominieren, ist Manga die Meisterschaft des Strichs. Die Variation der Linienstärke (Inking) erfordert eine enorme Hand-Auge-Koordination und Disziplin. Ein einziger falscher Strich kann den gesamten Ausdruck ruinieren.
3. Storytelling und Dynamik
Manga hat eine ganz eigene Bildsprache entwickelt (Speedlines, Sound-Effekte als Bildelemente, Panel-Layouts), die heute sogar die klassische westliche Kunst und den Film beeinflusst. Es geht nicht nur um das Einzelbild, sondern um den Rhythmus der Erzählung.
Mein Fazit: Richard hat Recht, dass man die Basics nicht vergessen darf, aber Bea hat den Zeitgeist erkannt. Manga ist ein hervorragendes Training für Ausdruck und Dynamik. Es ist kein „Rückschritt“, sondern eine andere Art der visuellen Kommunikation.
Amazontipps (Affiliatelinks)* von Bea:
Was steckt wirklich hinter dem Manga-Stil?
Während Richard und Bea noch über Schwerkraft und Scheinwerfer-Augen streiten, lohnt es sich, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Manga ist weit mehr als nur „große Augen und spitze Haare“. Es ist eine hochgradig stilisierte Kunstform, die ihre eigenen Regeln und eine tiefgreifende Symbolik besitzt.
1. Die Anatomie der Emotionen
Richard nennt es „Manipulation“, doch in der Fachwelt spricht man von Ikonisierung. Durch das Vereinfachen von Gesichtern (wie der Punkt-Nase) und das Übersteigern von Merkmalen (wie den großen Augen) können Leser sich leichter mit den Figuren identifizieren. Die Emotionen werden universell verständlich.
2. Symbole als Sprache (Kigou)
Der von Richard verspottete „Riesenschweißtropfen“ ist ein klassisches Beispiel für Kigou – grafische Symbole, die Gefühle ohne Worte erklären.
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Der Schweißtropfen: Steht für Peinlichkeit oder Stress.
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Die hervortretende Vene (Kreuz-Symbol): Absolute Wut.
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Nasenbluten: Große Aufregung oder (oft komische) Lust.
3. Dynamik durch Rasterfolie & Speedlines
Manga-Zeichner nutzen keine klassischen Schattierungen wie in der Ölmalerei. Stattdessen kommen die bereits erwähnten Rasterfolien (kleine Klebefolien mit Punktmustern) zum Einsatz, um Graustufen und Texturen zu erzeugen. Speedlines (Bewegungslinien) sorgen dafür, dass ein statisches Bild plötzlich so wirkt, als würde der Charakter mit Schallgeschwindigkeit durch den Raum fliegen.

Redaktioneller Tipp: So nutzt du Rasterfolie wie ein Profi
Wenn du es wie Bea machen willst und deinen Zeichnungen den echten Manga-Look verpassen möchtest, ist Rasterfolie (oder deren digitales Äquivalent) dein bester Freund:
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Gezieltes Schattieren: Klebe die Folie nur auf die Bereiche, die im Schatten liegen (z.B. unter dem Kinn oder in den Haarfalten).
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Effekte erzeugen: Es gibt Folien mit Farbverläufen, Sternen oder Mustern – perfekt für magische Momente oder dramatische Hintergründe.
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Kratztechnik: Profis kratzen mit einem Skalpell vorsichtig Teile der Folie weg, um Lichtreflexe (z.B. auf Kleidung) zu erzeugen. Das gibt dem Bild eine enorme Tiefe!
Aller Anfang ist… gezeichnet! (Tipps für Manga-Neulinge)
Du stehst vor deinem ersten leeren Blatt und weißt nicht, wo du anfangen sollst? Keine Sorge, selbst die größten Mangaka haben mal klein angefangen. Hier sind zwei Wege, wie du starten kannst:
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Abmalen (Referenzen nutzen): Dies ist der Goldstandard zum Lernen. Such dir einen Charakter aus, den du liebst, und versuche, ihn so genau wie möglich nachzuzeichnen. Dabei lernst du, wie die Linien fließen und wie die Proportionen (auch die übertriebenen!) funktionieren. Es schult dein Auge für die Formen.
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Abpausen – Fluch oder Segen? Unter Künstlern ist Abpausen oft verpönt, aber als reine Lernhilfe ist es völlig okay! Wenn du ein Bild abpaust, bekommt deine Hand ein Gefühl für die Schwünge der Haare oder die Form der Augen. Aber Vorsicht: Nutze es nur als Übung für dich selbst. Wenn du Fortschritte machen willst, solltest du so schnell wie möglich zum freien Abmalen wechseln, damit dein Gehirn lernt, die Formen eigenständig aufzubauen.
Unser Profi-Trick: Fang mit einfachen Kreisen und Linien für das Skelett an (das sogenannte „Glieder-Männchen“). Selbst bei Manga-Augen hilft es, erst die Grundform der Augenhöhle grob zu skizzieren, bevor du die glitzernden Details einfügst.