Heute stellen wir euch wieder einen prachtvollen Bildband vom Midas Verlag vor: „Street Art International“ bietet einen tollen Überblick über die aktuell weltweit bekanntesten und beliebtesten Street Art Künstler.
Street Art ist schon länger aus der Ecke des Illegalen, Verschmähten, jugendlichen Rebellentums ausgebrochen und eine anerkannte Kunstform. Die Artisten werden von Städten, Gemeinden, Organisationen oder Kunststiftungen gebucht um ausgesuchte Wände und Gebäude, aber auch Autos u.a. zu verschönern.
Einigen Street Art Malern passt diese Legalität und der kommerzielle Gedanke dahinter nicht – denn klar – anfangs war es die Rebellion, auch Vandalismus und ein Aufbegehren gegen gesellschaftliche Konventionen und Gesetze, die Street Art erst entstehen ließen.
Der Reiz nachts auf der Straße zu stehen und verbotenerweise Mauern zu besprühen, war und ist noch immer mit sehr viel Adrenalinausschüttung verbunden und ist auch für einige der anerkannten Künstler dieses Genres nicht wegzudenken.
Wie man weiß, lebt der bekannteste Street Art Künstler Banksy immer noch von der Illegalität, der Überraschung, der Gefahr, erwischt zu werden – und er mag es, wenn seine Werke nicht lange bestehen bleiben, sondern wieder übermalt werden.
Aber, auch in der legalen Form ist Street Art für die Künstler etwas ganz Besonderes:
- Sie malen bei Wind und Wetter draußen. Das bedeutet Farbe trocknet zu schnell oder schlecht, die Materialien fliegen umher und die Künstler selber leiden unter Regen, Schnee, Hitze. Doch oft ist es genau dieses Archaische, was sie am Ende so sehr lieben.
- Auf der Straße stehen und riesige Bilder malen – das bedeutet automatisch Kontakt zu Passanten – woraus interessante Begegnungen und neuer Input entstehen.
- Das riesige Format ist mit keiner Leinwand dieser Welt zu vergleichen und ist einfach ein Traum für jeden Künstler, der gerne großformatig malt.
- Die Aufgabe Bilder für die gesamte Öffentlichkeit zu malen und keinen kleinen Kunstkreis ist eine besondere Herausforderung.
Gehen wir dazu noch mal ins Detail: Die im Buch vorgestellten Künstler erzählen alle Ähnliches, nämlich, dass sie sich besondere Mühe geben. Sie wollen den Menschen, die tagtäglich mit ihren Bildern konfrontiert werden, weil sie eben dort wohnen oder täglich vorbei fahren/gehen eher eine Freude zu machen, als sie zu verärgern.
Diese Intention unterscheidet sich dramatisch von dem, was wir mit „Graffiti-Schmierereien“ verbinden. Denn diese wollen gerne provozieren, Aufmerksamkeit generieren, Reviere markieren und stellen eine Auflehnung gegen gesellschaftliche Ordnung da. Der Gesetzesbruch ist sein eigener Reiz.
Die großformatigen Wandbilder aber, im Fachjargon „Murals“ genannt, sind einfach überdimensionierte Kunstwerke, die trostlose Viertel, Häuserwände, Mauern, Autos, Straßen verschönern und verzaubern.
Aus dieser Intention heraus – und das sieht man an allen dargestellten Werken im Buch – entstehen absolut ästhetische, großartige, farbexplosive, surreale Bildnisse, die eigentlich keinen Passanten verärgern dürften.

Tipp: Lese auch unsere anderen Rezensionen, wie
Jede Seite eine kunterbunte Überraschungswelt
Dieses Buch einfach nur durchzublättern ist für Kunstfreunde ein großer Spaß, denn jede Seite ist eine optische Überraschung. Man beginnt zu verstehen, dass Street Art eine absolut eigene Kunstform ist, wirklich mit nichts anderem zu vergleichen.
Oft sind die Motive sehr surreal und fantastisch angelegt. Kaum jemand malt Landschaftsansichten, Stillleben oder Portraits auf riesige Wände, sondern alles ist viel komplexer, eher wie Bildcollagen.
Zwar gibt es auch Street Art Maler, die mit optischer Täuschung arbeiten und Häuser bildlich erweitern oder Personen aus den Fenstern gucken lassen, wo keine sind – aber die hier versammelten Künstler haben gemeinsam, dass sie besonders fantasievoll und kunterbunt oder nur farbintensiv oder farbbewusst agieren.

Und ein weiterer Gegensatz zur Leinwandkunst ist: Die Farben werden meist sehr schön ästhetisch und harmonisch kombiniert, so dass sie den Augen schmeicheln. Es gibt keine scharfen Farbkontraste, allgemein einfach nichts „Verstörendes“, womit Kunst sonst gerne arbeitet.
Die Intention ist eben nicht ein Kunstpublikum aufzuregen, anzuregen, zu provozieren oder etwas Schmerzhaftes auszudrücken, sondern die Künstler nehmen wirklich Rücksicht auf die Betrachter, eben auch auf Kinder, die an diesen Werken vorbeigehen.

Daher hat Street Art oft auch noch einen jugendlichen Charme, selbst wenn die Künstler über 50 Jahre alt sind. Die Straße, die Stadt – ist ein Ort für alle – alle Generationen und Typen von Menschen – das wissen die Künstler und sie lieben diesen Ort für ihre Kunst.
Auch lieben sie es für Menschen zu malen, die sonst nichts mit Kunst am Hut haben, die keine Ahnung haben und auch kein Kunstmuseum aufsuchen würden. Sie lieben es für ganz normale Menschen zu malen, kein abgehobenes Kunstpublikum, das über viel Geld verfügt – und das alles macht den Reiz dieser Kunstform aus.

Inspiration auf jeder Seite für Kunstschaffende
Wer selber malt und oder auf der Suche nach dem eigenen Stil ist, wird hier mit Inspiration regelrecht überschüttet. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Malstile, was die Motive und die Konzeption angeht und verschiedenste Techniken.
Vor allem die Motivwahl ist sehr interessant, zeigt sie uns doch, dass man beim Malen weggehen darf von festen Kompositionen und Realismus, dass man kombinieren darf, was man will und skurrile Fantasiebilder malen darf, wie ein Kind, das drauf los malt oder wilde Träume darstellen will.
Was dieses Buch an Farbkompositionen und Malstilen aufzeigt, können viele Lehrbücher oft gar nicht bieten. Hier hat man Seite für Seite Beispiele, wie man als Künstler seine Farbwelten wählen kann und wie man Bilder komponiert, sodass sie als fertiges Ganzes wirken.
Ein knallbuntes, faszinierendes Kaleidoskop voller Ideen, witziger Motive und Ästhetik – eben ein Fest für Kunstfreunde.

Die Künstler
Die Künstler selbst werden mit einigen Abbildungen ihrer Werke vorgestellt: Ihr Werdegang, ihre Arbeitsweise und Intention beim Malen. Viele sind auch abseits von der Straße Künstler, die auf Leinwand etc. malen. Fast alle aber brauchen einfach das Malen auf der Straße und möchten damit nicht mehr aufhören.
Interessant ist natürlich auch ihre Arbeitsweise: Wie bemalt man denn Hochhauswände? Das ist eigentlich schwer vorstellbar. Aber sie dürfen mit Lifts arbeiten und sie müssen es natürlich aushalten in schwindelerregender Höhe mit Farbeimer und Pinsel oder Spraydose zu hantieren.
Ebenfalls skurril: Wie kann man diese riesen Motive überhaupt malen, wenn man als winzig kleiner Mensch davor steht? Man erfährt als Leser: Es gibt verschiedene Techniken, etwa die Rastermethode, Schablonen oder auch einen Projektor.
Eines ist klar: Gemütlich ist das Malen in den Straßen der Welt ganz und gar nicht, aber anscheinend absolut faszinierend und süchtig machend! Übrigens raten alle vorgestellten Künstlern Einsteigern, einfach loszulegen, zwar geplant und mit Konzept, aber ohne Hemmungen und Bedenken.

Fazit:
Dieser Bildband bringt nicht nur Laien die Street Art näher und räumt mit Vorurteilen auf, sondern er ist einfach ein Augenschmaus für alle Kunstfreunde und eine Inspirationsquelle, die man immer wieder nutzen will, für eigene Ideen und Werke.
Wer als Künstler seinen Stil noch nicht gefunden hat, lernt hier, anders zu denken, von der Leinwand weg, von herkömmlichen Bildkompositionen weg und mehr in Richtung Collagen und Cartoons zu denken.
Fakten zum Buch:
Diego Lopez
Street Art International
Die wichtigsten Street Artists aus aller Welt
320 Seiten, Hardcover, Euro (D) 39 | Euro (A) 42 | CHF 49
ISBN 978-3-03876-322-2 (Midas Collection)
Erschienen am 25. Nov. 25
