Das Bilderbuch „Alleinekind“ von Corinna Schmelter-Pourian, erschienen im Kunstanstifter Verlag, hilft Einzelkindern ab 4 Jahren ihre Rolle im Leben einzuordnen.
»Ein Einzelkind ist ein einzelnes Kind. Einzeln, nicht einsam. Oder?«
Das Einzelkind, um das es hier geht, verarbeitet seine spezielle Situation, sieht die Nachteile, aber auch die Vorteile.
Corinna Schmelter-Pourian: »Die Bilder sollten genauso assoziativ werden wie die Geschichte selbst. Ich habe sie digital in reduziertem Farbmuster gezeichnet. Neben sanften Tönen brauchte ich Neon, neben aquarellartigen Strukturen buntstiftartig Gekritzeltes: Mein Ziel war, dass ein Nebeneinander der Gegensätze in der Außenwelt von genau diesem Nebeneinander im Inneren des Kindes erzählt. Muster und Gegenstände kehren dabei wieder und werden zu Symbolträgern: Steine, Apfelkerne, die Krone des Entscheidens.«
Die Illustratorin ist Kunstvermittlerin und Theaterpädagogin, wuchs in Gütersloh auf, studierte in Hildesheim Kulturpädagogik und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Bremen.
- „Alleinekind“ ist ausgezeichnet mit dem LesePeter im Dezember 2024

Da steckt einfach mehr drin – in so einem Kinderbuch…
Oder? Dieses Buch ist so ein Paradebeispiel, wie komplex ein solches Kinderbuch verstanden und interpretiert werden kann, als man zunächst meint und für die Intention des kunstanstifter Verlags. Daher ist es auch etwas für die Eltern des Kindes.
Inhaltlich wie visuell kreist das Buch um das Alleinsein – jedoch nicht als Mangel oder Makel, sondern als vielschichtigen Zustand zwischen Freiheit, Leerstelle und Selbstbegegnung.

Die eigenwillige Bildsprache hier ist etwas ganz besonderes: Die Illustrationen verweigern sich einer klaren stilistischen Linie und setzen stattdessen auf ein bewusstes Nebeneinander unterschiedlicher Techniken.
Zeichnerische, skizzenhafte Elemente treffen auf flächige Farbsetzungen. Digitale Anmutungen stehen neben handwerklich wirkenden Strukturen. Dies alles erzeugt eine produktive Unruhe – als würde das Bild selbst nach seiner Form suchen, so wie jedes Kind nach sich selbst.

Auch die Farbdramaturgie folgt keiner harmonischen Logik: Zarte, dezente Töne werden immer wieder von grellen, fast irritierenden Akzenten durchbrochen. Die Farben wirken weniger darstellend als emotional: Sie verstärken Stimmungen, kippen Atmosphären, widersprechen sich. Es entsteht ein visuelles Spannungsfeld, das bildhaft für das Empfinden des Alleinseins steht.

Auffällig ist auch der Umgang mit Körpern und Perspektiven: Gliedmaßen verschieben sich, Proportionen geraten ins Ungleichgewicht, Bewegungen wirken überdehnt. Diese leichten Irritationen verleihen den Bildern eine eigentümliche Dynamik und lassen sie zugleich fragil erscheinen. Nichts ist hier statisch oder eindeutig, alles bleibt in Bewegung.
Wiederkehrende Motive durchziehen das Buch wie ein roter Faden. Sie strukturieren die oft fragmentarisch wirkenden Szenen und verleihen ihnen ihre symbolische Tiefe. Es geht um mehr als bloßes „Illustrieren“ von Text: Die Illustrationen kommentieren, erweitern und unterlaufen den Text auch stellenweise.

Alleinekind ist damit weniger ein klassisches Bilderbuch als ein visuelles „Nachdenkbuch“ in Fragmenten. Durch die Uneindeutigkeiten öffnen sich Räume, statt sie zu schließen – und laden dazu ein, sich im Dazwischen aufzuhalten. Genau das ist wichtig für Kinder, die ihre Rolle als Einzelkind in der Gesellschaft und der Familie verstehen und einordnen wollen. Die Autorin kennt diesen Prozess, war selber Einzelkind und hat so ihre Erfahrungen und Ansichten miteingearbeitet.

Alleinekind
Corinna Schmelter-Pourian
ISBN:978-3-948743-39-0
Format: 210 x 297 mm
Umfang: 44 Seiten
ET: 19.09.2024
Preis: 22 € (D) / 22,70 € (AT)
Hardcover, ab 4 Jahren
