Der Bildband „Morgens früh um 6“ wurde von Illustratorin Renate Wacker für den kunstanstifter Verlag neu illustriert und gilt als einer der schönsten Bücher 2023. Zeit, sich das Werk mal genauer anzusehen.
„Morgens früh um sechs
kommt die kleine Hex.“
(Altersempfehlung 3-6 Jahre)
So beginnt der bekannte Abzählraum, den mehrere Generationen von Kindern aufsagen können. Die kleine Hexe kommt morgens in den Haushalt mit zwei Kindern und übernimmt allerlei Aufgaben, während die Eltern das Haus verlassen.
Sie schabt Rüben, kocht Kaffee (für wen eigentlich…), feuert den Ofen an und führt den Haushalt. Jeder Stunde wird eine Aufgabe zugeordnet, so dass Kinder wie nebenbei die Uhrzeiten lernen.
Das Neue am beliebten Abzählreim sind also die Illustrationen von Renate Wacker.

Renate Wacker, geb. 1977, ist Diplom-Grafikdesignerin und begann zusätzlich 2005 ein postgraduales Meisterschülerstudium für Illustration bei Prof. Thomas M. Müller. Hier schloß sie als „Meisterschülerin“ ab. Sie lebt in Leipzig und arbeitet in den Bereichen Zeitschrift und Buch sowie Theater. Bislang hat sie insgesamt 3 Bände für den kunstanstifter Verlag illustriert, neben „Morgens früh um 6“, „Die Methode Dr. Thaer & Prof. Fedders“ und „Mascha und der Bär“.

Neue Bilder für alte Reime
In „Morgens früh um 6“ hebt Renate Wacker den bekannten Reim aus seiner gewohnten Linearität heraus.
Statt die einzelnen Verse nacheinander abzubilden, organisiert sie ihre Bilder als dichte, gleichzeitig ablaufende Szenen. Der Blick springt, entdeckt, kehrt zurück. Man liest diese Bilder nicht, man bewegt sich in ihnen hin und her und genau das lieben Kinder!
Auffällig ist dabei, wie stark das Thema Zeit visuell mitgeführt wird: Uhren, Wecker, wiederkehrende Abläufe und kleine rhythmische Marker strukturieren die Seiten, ohne sich als Thema aufzudrängen.
Das passt erstaunlich gut zu diesem Reim, der selbst ja von Wiederholung und Takt lebt – nur dass Wacker diesen Takt nicht in eine Reihenfolge übersetzt, sondern in Gleichzeitigkeit.

Auch farblich entsteht eine eigentümliche Spannung: Die Palette ist lebendig, teilweise kräftig und dann wieder gedeckt in sanften Orange-Tönen. Farben tauchen wieder auf, verbinden Bildelemente miteinander und geben Orientierung in einer Alltags-Welt, die durchaus unruhig ist. Gerade für zeichnende Leser lässt sich hier viel mitnehmen: Wie Farbe nicht nur schmückt, sondern ein Bild zusammenhält.
Die Figuren selbst bleiben bewusst reduziert: Es sind keine fein ausgearbeiteten Charaktere, sondern eher Typen in Bewegung – mit klaren Gesten, manchmal leicht überzeichnet wie Karikaturen (besonders natürlich die kleine Hexe).
Sie funktionieren weniger als Individuen, sondern als Träger von Rhythmus und Handlung. Auch der Raum folgt keiner klassischen Perspektive: Ebenen kippen, Dinge stehen nebeneinander statt hintereinander, Tiefe wird zugunsten von Übersicht aufgegeben.
Dadurch entsteht eine Art Spielfeld, auf dem alles gleichzeitig passieren darf.
Besonders reizvoll ist die Detailfülle: Überall gibt es kleine Nebenszenen, visuelle Einfälle, die sich erst beim zweiten oder dritten Hinsehen erschließen. Das Buch lädt die Kinder dazu ein, immer wieder darin zu blättern – nicht, um der Handlung zu folgen, sondern um neue Zusammenhänge zu entdecken.

Gerade für Hobbymaler und Zeichner liegt hierin eine besondere Inspiration. Wackers Arbeiten zeigen, dass Illustration nicht darin bestehen muss, einen Text möglichst „schön“ abzubilden. Stattdessen kann man eine eigene Ordnungen schaffen: über Farbe, Wiederholung, das bewusste Brechen von Perspektive. Wer sich darauf einlässt, entdeckt hier weniger eine Geschichte als eine Haltung zum Zeichnen selbst.
Im Detail:
Es handelt sich hierbei um Buntstiftzeichnungen und wer sich aktuell mit dem Arbeiten mit Buntstiften oder auch Farbstiften beschäftigt, der sieht online eigentlich eine ganz andere Art von Bildern.
Es wird mit Buntstiften weniger gezeichnet als „gefärbt“ und zwar sehr kunstvoll, mit Layering, Verblenden, Farbverläufen etc. Das alles haben wir hier nicht! Es ist eine reduzierte Arbeit mit Buntstiften und das mag schon irritieren.
Aber diese Art des „bunten Zeichnens“ ist sicherlich sehr animierend für die Kinder und lädt sie regelrecht ein, die Bilder abzumalen. Man kann sehr genau die einzelnen Striche erkennen und stellt fest, dass die Illustratorin die Umrisse selten schwarz malt, sondern meist mit einem roten Buntstift. Das nimmt den Zeichnungen die Strenge.
Während runde Teller, Tassen und Löffel sowie Möbel recht präzise gemalt sind, bleibt sie bei der Gestaltung von Menschen und Hexen … sowie Tieren recht frei, dadurch wirken sie besonders lebendig inmitten den geradlinigen Formen des Haushalts.
Wenn man wollte, könnte man alle Szenen viel präziser malen bzw. zeichnen, aber es geht nicht um die realistische Abbildung, sondern um das Skizzieren von Szenen, trotzdem wird detailreich gearbeitet, eben das Wesentliche für das Kinderauge dargstellt.
Für erwachsene Hobbymaler und -zeichner ist dieser Zeichenstil sehr interessant, nimmt er doch die Hemmung, perfekt und realistisch zeichnen zu müssen. Auch nimmt er die Hürde, mit Buntstiften so umgehen zu müssen, wie es viele Profis tun und stattdessen einfach mal nur die Umgebung bunt „abzupinnen“.
Der altbekannte Reim als visuelles System
Renate Wacker verwandelt den bekannten Kinderreim nicht in eine Geschichte, sondern in ein visuelles System: Zeit, Bewegung und Wiederholung werden nicht erzählt, sondern gleichzeitig erfahrbar gemacht. Ihre Illustrationen zwischen Wimmelbild und Komposition, Fülle und präziser Ordnung sorgen für Spannung.
Leseprobe:
Morgens früh um 6 : Renate Wacker – Book2look
- Auf der Longlist der Schönsten Deutschen Bücher 2023
- Auf der Bestenliste des Leselotsen im Börsenblatt – Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel
ISBN: 978-3-942795-96-8
Format: 195 x 255 mm
Umfang: 28 Seiten
ET: 08.09.2022
Preis: 20 € (D) / 20,60 € (A)
