Beim Thema „Malen nach Zahlen“ scheiden sich die Geister. Viele Künstler schütteln nur den Kopf, andere sagen nur so haben sie einen Zugang zum Malen bekommen. Was denken unsere beiden Künstlerseelen Bea und Richard darüber und was du?
Das Atelier-Duell: Malen nach Zahlen – Kunst oder Kitsch?
Bea: (strahlend, hält ein mittelgroßes, fertig gerahmtes Bild in die Höhe, das eine detaillierte Venedig-Ansicht zeigt) „Schau mal, Richard! Mein Meisterwerk! Nur sechs Wochenenden Arbeit und ich habe meine eigene venezianische Gondel vor der Rialtobrücke. Alles perfekt, kein einziger Farbklecks daneben. Sieht das nicht toll aus über meinem Sofa? Ich bin so stolz!„
Richard: (mustert das Bild mit der Distanz eines Museumskurators, seufzt leise) „Bea, das ist… sauber ausgeführt. Keine Frage, deine Feinmotorik ist beachtlich. Aber „Meisterwerk“? Das ist ein industriell gefertigtes Abziehbild, das du sorgfältig ausgefüllt hast. Das hat jemand anderes für dich entworfen, jemand anderes hat die Farben festgelegt, die Schattenwurf berechnet. Du warst im Grunde eine hochpräzise Druckmaschine.„
Bea: „Und? Es hat mir Spaß gemacht! Und es sieht verdammt gut aus! Nicht jeder hat Zeit oder das Talent, von Grund auf ein ganzes Bild zu komponieren. Ich wollte ein schönes Bild von Venedig, und jetzt habe ich eins. Und weißt du, wie viele Stunden ich dabei entspannt war? Keine Angst vor der leeren Leinwand, keine Zweifel, ob die Proportionen stimmen. Einfach nur konzentrieren und Farbe auftragen. Das ist Meditation!„
Richard: „Meditation kann es sein, wenn du einen Garten harkst. Kunst ist es nicht. Wenn du ein Kochbuch exakt nachkochst, hast du ein Gericht produziert, aber du bist kein Koch. Malen nach Zahlen ist die visuelle Entsprechung eines Fahrrades mit Stützrädern und einem Motor: Du bewegst dich vorwärts, ohne wirklich selbst das Gleichgewicht halten oder treten zu müssen. Es befriedigt den Wunsch, etwas „Gemachtes“ zu haben, ohne den Prozess des Erschaffens zu durchleben.„
Bea: „Du bist so elitär! Nicht jeder will der nächste Michelangelo sein. Manchmal will man einfach nur etwas Schönes für die Wand. Und es gibt so komplexe Motive! Winzige Felder, tausend Schattierungen. Das trainiert doch das Auge für Details und Farbübergänge! Ich kann jetzt viel besser sehen, wie Farben ineinander übergehen.„
Richard: „Das mag stimmen, wenn du bereit bist, von den Stützrädern loszulassen. Aber die meisten bleiben ewig in diesem vorprogrammierten Muster stecken. Echte Kunst erfordert Entscheidungen, Bea. Die Entscheidung, welche Farbe wirklich passt, ob der Horizont gerade ist, ob du ein Detail weglässt oder betonst. Malen nach Zahlen nimmt dir all das ab. Es ist eine Sackgasse auf dem Weg zur echten Kreativität, ein goldener Käfig für den künstlerischen Geist.„
Bea: (schüttelt den Kopf, aber mit einem Lächeln) „Dann bin ich eben glücklich im goldenen Käfig mit meiner Rialtobrücke. Du kannst ja weiter deine leeren Leinwände anstarren und auf die Erleuchtung warten. Ich werde derweil mein nächstes „Meisterwerk“ bestellen: Eine malerische Berglandschaft!“
- Beas Tipps auf Amazon:
Malen nach Zahlen: Rialtobrücke
Fakten-Check: Was bringt „Malen nach Zahlen“ wirklich für deine Entwicklung?
Zwischen Richards strengem Urteil und Beas Begeisterung liegt die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte. Ob du MnZ als Sackgasse oder Sprungbrett nutzt, hängt ganz davon ab, wie du es angehst. Hier sind die harten Fakten:
Die Vorteile: Das lernst du (heimlich) beim Ausmalen
Auch wenn Richard es „Malen nach Vorschrift“ nennt, trainierst du dabei wichtige Grundlagen:
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Pinselkontrolle: Nichts schult die ruhige Hand so sehr wie das Ausfüllen winziger, nummerierter Felder. Du lernst, wie viel Farbe dein Pinsel wirklich aufnehmen kann.
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Farbverständnis: MnZ-Sets nutzen oft 30 oder mehr Farbtöne für ein Motiv. Du siehst live, wie ein Bild durch winzige Nuancen von Licht und Schatten Tiefe gewinnt – Wissen, das du später auf eigene Werke übertragen kannst.
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Geduld und Fokus: Ein komplexes Set erfordert 20 bis 40 Stunden Konzentration. Das ist ein hervorragendes Training für die Ausdauer bei größeren, eigenen Projekten.
Die Kritik: Warum Richard nicht ganz unrecht hat
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Fehlende Komposition: Du lernst nicht, warum ein Bild funktioniert. Das Set nimmt dir die Entscheidung über Bildaufbau und Perspektive ab.
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Misch-Defizit: Da die Farben fertig gemischt im Töpfchen kommen, lernst du nicht, wie man aus den Grundfarben ein lebendiges Grün oder ein tiefes Violett mischt.
Profi-Hacks: So machst du „Kunst“ aus dem Set
Willst du Bea glücklich machen, aber Richard beeindrucken? Dann versuche diese drei Tipps:
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Die Ränder „verblenden“: Male nicht starr in den Linien. Nutze einen sauberen Pinsel, um die Übergänge zwischen zwei Farben ganz leicht zu verreiben, solange sie noch feucht sind. Das nimmt dem Bild den typischen „Muster-Look“.
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Eigene Akzente setzen: Sobald das Bild fertig ist, geh noch einmal drüber! Setze mit eigener weißer Farbe glänzende Lichtpunkte (Highlights), die im Set vielleicht nicht vorgesehen waren.
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Struktur aufbauen: Nutze dickere Farbschichten für Elemente im Vordergrund (z. B. Blütenblätter), um eine echte Textur auf der Leinwand zu erzeugen.
Unser Fazit: Malen nach Zahlen ist das „Yoga des Malens“. Es entspannt und hält die Hand fit. Um ein echter „Koch“ zu werden, wie Richard sagt, solltest du es als Ergänzung sehen – ein tolles Erfolgserlebnis für zwischendurch, während du parallel an deinen eigenen Skizzen arbeitest.